Reisejournal - Israel, Oktober 2012

Eine Gruppe von Studierenden und Lehrenden der Pädagogischen Hochschule Weingarten machte sich im Oktober 2012 auf den Weg nach Israel, um im Rahmen des Projektes memoria21 Zeitzeugen zu interviewen.
Die Eindrücke, die wir auf dieser Reise machen konnten, sind mannigfaltig: die Lebendigkeit der Stadt Jerusalem, die Bedrohtheit des Lebens vor Ort, die Traurigkeit in Yad Vashem und die Reflexionen darüber. Besonders hat sich uns eingeprägt, mit welcher Offenheit und mit welchem Vertrauen Livia Bitton-Jackson und David Ben-Dor uns begegnet sind – Begegnungen, die unser weitere Arbeiten im Projekt memoria21 stark prägen werden.

Einen kleinen Einblick der Reise bieten die folgenden Beiträge, die von verschiedenen Mitgliedern der Reisegruppe stammen.

 

02.10.2012 – Begegnung mit David Ben Dor in Tel Aviv

Noch ganz genau kann ich mich daran erinnern, wie ich von David Ben Dor und der „Schwarzen Mütze“ zum ersten Mal gehört habe. Ich hatte meine erste Stelle in Landsberg am Lech angetreten und eine Kollegin, die sich mit den Kauferinger Lagern befasste, wies mich auf den Text von Ben Dor hin. Von Beginn an hat mich der Text fasziniert: Ein Mensch macht sich auf die Suche nach seiner eigenen Schuld; er unterzieht sich diesem schmerzhaften Verfahren, weil ihm bewusst ist, dass ohne Werte eine Gesellschaft und ihre Mitglieder nicht existieren kann. Mit einer 9. Jahrgangsstufe habe ich den Text im Unterricht gelesen und das Interesse der Schüler(innen) spüren können: Sie wurden ermutigt, Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen. Auch mit Studierenden konnte ich in Weingarten Erfahrungen mit dem Text sammeln; in der Regel stößt dieser auch hier auf Interesse, auf Neugier und auf viele Fragen, die zuletzt in einer kulminieren: Wer ist eigentlich David Ben Dor?
Nach 12 Jahren der Beschäftigung mit dem Text konnte ich mich nun auf den Weg nach Tel Aviv machen, um ihm zu begegnen.

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03.10.2012 – Begegnung mit Livia Bitton-Jackson in Netanya

Um kurz nach sieben werde ich von meinem Wecker aufgeweckt. Sofort ist die nervöse Anspannung wieder da: heute fahren wir nach Netanya um Livia Bitton-Jackson zu besuchen. Eigentlich kein Grund so aufgeregt zu sein, allerdings bin ich federführend für dieses Treffen verantwortlich und habe es wahrscheinlich vermasselt. Seit Dezember 2011 stehe ich mit Livia in Mailkontakt und hätte so das Treffen für heute arrangieren sollen. Leider habe ich seit ihrer Mail im Mai, in der sie das Treffen zwar bestätigt, mich aber auch gebeten hat, ihr eine Erinnerungsmail zu schicken, sobald der Termin näher rückt, nichts mehr von ihr gehört, obwohl ich ihr seit 18.September drei Nachrichten geschickt habe. Aus diesem Grund treten wir heute zu einer Reise an, deren Verlauf unglaublich ungewiss ist. Mehrere Gedanken beschäftigten mich: hat Livia die Mails überhaupt erhalten? Hat sie das Treffen vergessen und ist selbst verreist? Ist ihr evtl. etwas passiert, ist sie krank oder gar gestorben? Fragen die bei einer 81-jährigen Frau nicht gänzlich unbegründet sind.

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03.10.2012 – „Keine leichten Pakete“ – Besuch im Goethe-Institut Jerusalem

Während ein Teil der Reisegruppe nach Netanya fährt, um Livia Bitton-Jackson zu besuchen, macht sich ein Teil der Reisegruppe auf, um Rachel Perets-Wagner und ihre Mitarbeiterin im Jerusalemer Goethe-Institut zu treffen. Wir sind nämlich auf der Suche nach der „Heimat“ des Projektes „Keine leichten Pakete“. Im Sommersemester 2012 haben wir in einem Seminar in Weingarten Pakete aus Jerusalem erhalten. In den Paketen waren Bücher von ehemals aus dem deutschen Sprachraum stammenden Menschen, die aufgrund der NS-Verfolgung ins damalige Palästina ausgewandert sind.

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04.10.2012 – Yad Vashem oder: Ein Ort schreibt Geschichte

Wie geht „Geschichte schreiben“? Und wie geht das, wenn die Geschichte sich an so vielen unterschiedlichen Orten auf der Welt verteilt hat? Wie kann man damit umgehen, wenn man nur einen einzigen Platz dafür nutzen will?
In Yad Vashem, der Gedenkstätte des Holocaust, deren Betitelung sich aus den hebräischen Wörtern für „Denkmal“ und „Name“ zusammensetzt, wird vor allem der jüdischen Opfer des Holocaust gedacht. Hier haben sich unsere Wege weitgehend getrennt, doch einmal finden sie sich zusammen im begleiteten Besuch der Ausstellung im „Museum der Geschichte des Holocaust“. Es ist ein Mitarbeiter der Gedenkstätte, der uns zeigt, mit welcher Brille man die Ausstellung durchlaufen kann, der uns gewissermaßen mit einer Lupe auf die Dinge blicken lässt.
Das Museum setzt verschiedene Schwerpunkte, lernen wir. Es will den Holocaust nicht als losgelöstes Phänomen zeigen, sondern in einen Kontext eingebettet sehen. Gesellschaftliche und politische Entwicklungen sowie geistesgeschichtliche Traditionen und Denkformen, die in der Zeit des nationalsozialistischen Regimes aufgegriffen, abgewandelt und angepasst wurden, sollen nicht vernachlässigt werden. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft haben ihren gleichberechtigten Platz in der Ausstellung, und das nicht nur räumlich.
Aus museumspädagogischer Perspektive, betont unser Begleiter, Daniel Rozenga, ist es ihnen besonders wichtig, in den Besuchern kognitive Empathie zu wecken und zu fördern. Darunter versteht er ein neugieriges, forschendes Anteilnehmen. Diese Anteilnahme will die Ausstellung dadurch wecken, dass sie den Schwerpunkt auf einen biographischen Zugang legt und daher Einzelschicksalen zur Zeit des Holocaust – sowie davor und danach – einen besonders weiten Raum gibt. Yad Vashem wird seiner eigenen Titulierung und Aufgabe gerecht: Es gibt Menschen wieder einen Namen.

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05.10.2012 – Eine unverhoffte Begegnung

Wir hatten bis zum Abend kein festes Programm geplant, sodass jeder noch einmal Zeit zur freien Verfügung hatte. Zu unserer großen Überraschung und Freude  meldete sich Livia Bitton-Jackson per Email bei  uns. Bis zum Nachmittag trennte sich die Gruppe: einige gingen in die Altstadt, die anderen nach Yad Vashem. Um 15 Uhr trafen wir alle im Hostel ein; leider hatte Frau Jackson noch nicht angerufen. Nach den anstrengenden Tagen voller Eindrücke und vieler Aktivitäten waren wir auch ziemlich geschafft. Deshalb nutzen wir die Zeit bis zum Abend, um auszuruhen, nachzusinnen usw.
Plötzlich kam der Anruf von Frau Jackson: Sie habe eine Stunde Zeit uns noch einmal zu treffen. Sie war mit einem Teil ihrer Familie in Jerusalem, um gemeinsam einen Festtag des Laubhüttenfestes zu feiern. Nun ging alles sehr schnell: ein Taxi finden (angesichts des Laubhüttenfestes nicht so leicht), einen Taxifahrer bekommen, der die Adresse kennt (ohne Navigationsgeräte in der riesigen Stadt) und dann möglichst miteinander eintreffen (sechs Leute passen nicht in ein Taxi).

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