Livia Bitton-Jackson

In Sprachwelten zuhause

Livia Bitton-Jackson wächst in der Tschechoslowakei unter ungarischen Nachbarn und inmitten einer jiddisch sprechenden Gemeinde auf. Sie hört ihrem Bruder dabei zu, wie er Goethe zitiert und erinnert sich bis heute daran, dass ihre Mutter „for enjoying“ deutsche Romane las. Sie selbst sie war „für alle die ‚Dichterin‘“, modelliert ihre Identität über die Gedichte, die ihr „das Herz der Welt“ öffnen, und die sie trotz größter Gefahr selbst im Ghetto solange wie möglich behält (1000 Jahre habe ich gelebt, 2007, S.46). Im Lager bittet sie ihr Leben riskierend um Papier „zum Schreiben“. Allein der schmerzliche Verlust des Vaters nimmt ihr die Sprache: „Ich wollte sprechen, doch meine Worte ertranken in einem Sumpf von Schmerz und Traurigkeit.“ (ebd. S.54)

Als sie nach dem Krieg ihrem Bruder in die USA folgt, betritt sie einen Sprachraum, in dem sie fortan zuhause bleibt. In englischer Sprache erscheint „Elli. Coming of Age in the Holocaust“. Es handelt sich um ihre Überlebensgeschichte, die den Beginn ihres autobiographischen Schreibens markiert. Ihre Leser sollen „spüren – und wissen –, dass es sich beim Holocaust […] um eine Lektion handelt, die zu verstehen für die Zukunft von großer Bedeutung ist“, weshalb sie „wahrhaftig über das Grauen berichtet“ (ebd., 2007, S.12). Livia Bitton-Jackson schreibt in Prosa, so berichtet sie im Interview, denn „poetry, people wouldn‘t read“, wohingegen „prose led to describing events“. Die Texte Livia Bitton-Jacksons sprechen durch die Bildhaftigkeit von ihrer Nähe zur Poesie, wenn sie auch selbst beschreibt, dass sie ihr leicht aus der Feder fließen („just writing it down“).

In „1000 Jahre habe ich gelebt“ wendet sie sich an ein jugendliches Publikum. Im selben Maß wie die Geschichte ihrer Familie, die sie in den Folgebänden weitererzählt, sich geographisch der heutigen Heimat Jerusalem nähert, findet auch Livia Bitton-Jackson sprachlich dort eine Heimat. „I think, I could also write poems in English […] and maybe in Hebrew“.