Livia Bitton-Jackson: 1000 Jahre habe ich gelebt

Wir sind im Himmel

Augsburg, 3. September 1944

„Elli, wach auf. Wir sind da.“ Sonnenlicht fällt durch die geöffneten Türen in den Waggon. Der Zug steht. Zart rüttelt Mami an meiner Schulter. Ich kann nur ein Auge öffnen. Mein Kopf wiegt eine Tonne. Langsam setze mich auf.

„Du hast vierundzwanzig Stunden geschlafen“, sagt Mami. „Wir sind da.“

„Wo sind wir?“

„Auf dem Stationsschild steht Augsburg.“

Augsburg. Augsburg. Augsburg hatten wir in der Schule. Die Schlacht bei Augsburg. Wann war das nochmal? Wann war die Schlacht bei Augsburg?

Deutsche Militärangehörige, Männer und Frauen, stehen auf der Rampe herum und mustern uns interessiert. Sie starren uns an und wechseln untereinander verwirrte, ungläubige Blicke. Der hochgewachsene Offizier am Kopf der Gruppe bricht das beklemmende Schweigen und richtet das Wort an uns. „Wir haben Frauen erwartet. Fünfhundert Frauen.“ Dann, nach einigen Momenten des Zögerns, fragt er: „Wer hat hier das Kommando?“ Unsere Wachmannschaft ist im Zug geblieben und kehrt ins Lager zurück. Wir sind ohne Aufsicht und ohne Führung. Es gibt nur diese ganz offensichtlich verblüfften, verunsicherten Männer und Frauen in Uniformen, die wir nicht kennen. Sie sind unsere neuen Herren.

„Spricht jemand Deutsch?“, fragt der Offizier weiter.

Mehrere Mädchen melden sich.

„Wir haben einen Transport mit Frauen aus Auschwitz erwartet“, wiederholt der Offizier. „Kommt ihr aus Auschwitz? Seid ihr anstelle der Frauen hier?“

„Wir kommen aus Auschwitz. Und wir sind Frauen.“ Eine Welle der Ungläubigkeit zieht durch die Reihen der versammelten Militärs. Unsere kahlen Köpfe, grauen Gefängniskleider und spindeldürren Körper wirken nicht sehr überzeugend. Rasch formieren wir uns in Fünferreihen, bereit zum Abmarsch. Unsere neuen Herren stehen jedoch reglos und warten. Wir stehen auch und warten unsererseits auf den Marschbefehl.

Der Zug fährt aus dem Bahnhof, der letzte Waggon verschwindet um die Kurve und wir warten immer noch in Habt-Acht-Stellung. Schließlich richtet der Kommandant erneut das Wort an uns: „Aber wo sind eure Sachen?“ Gelächter ertönt in den Reihen. Unser Gepäck?

„Wir haben kein Gepäck, Herr Offizier“, sagt die Übersetzerin leise. „Nichts haben wir.“ […]

 

Bitton-Jackson, Livia: Tausend Jahre habe ich gelebt, Stuttgart 2007, S.144f.

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